Hauptsache Spagetti
Vom Gemeinsam-Anders-Sein und wie Integration auch als Nebensache funktionieren kann.
„Wie heißt das Wort? Hör mal genau zu: Bo-Lo-Neee-Se.“ „Boloneeeeese“ wiederholt das Mädchen und schaufelt sich einen Berg Nudeln auf den Teller. Damit ist das Mysterium „Spagetti Momenese“, das sie kurz zuvor geschaffen hat, aus der Welt. Sie nimmt sich von besagter Soße und blickt erwartungsvoll in die Runde: Gegessen wird erst, wenn einer der Erwachsenen „Guten Appetit“ gesagt hat.
Im Kinderhaus Südstormarn ist es 13.30 Uhr – Mittagszeit. Die Kinder kommen aus der Schule und versammeln sich um die zwei großen Tische in Küche und Esszimmer. Es duftet nach Spagetti. An jedem Tisch essen Erzieher mit den Kindern. Es wird erzählt und gelacht. Gemeinsam. Und dabei ist es offensichtlich ganz egal, wo man herkommt.
Seit 18 Jahren werden im Kinderhaus der Südstormarner Vereinigung für Sozialarbeit (SVS) Kinder aus Familien in schwierigen Lebenslagen betreut. Werktags können sie hier nach der Schule zu Mittag essen, bekommen Unterstützung bei ihren Hausaufgaben. Und sie erfahren, was es bedeutet, so angenommen zu werden, wie man ist. 16 Kinder im Alter von 6-14 Jahren kommen täglich in die Gruppe nach Glinde bei Hamburg. „Im Moment haben wir acht Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund“, erzählt Matthias Richter, Diplom-Psychologe und Leiter des Kinderhauses. Damit leistet diese Einrichtung ihren ganz eigenen Beitrag zum Thema Integration.
Ein lautes Klingeln an der Tür übertönt den Geräuschcocktail aus Stimmengewirr und Tellergeklapper. „Ah, Kevin[1], schön, dass du da bist!“, sagt Richter, als er die Tür öffnet. Zielstrebig steuert Kevin auf die Küche zu: „Ist da noch ein Plätzchen frei? Gut, dann geh ich mir mal die Hände waschen.“ Während Kevin im Bad verschwindet, berichtet das Mädchen über ihrem Teller Momenese vom neuen Ausleih-Prinzip für die Spielzeugautos im Kinderhaus. Dimitri[2], ein kleiner Junge, der beim Sprechen das R rollt, lauscht ihren Erklärungen andächtig. Als es fertig mit Essen und Erzählen ist, steht das Mädchen auf und räumt seinen Teller beiseite. Ihre dicken, mit Glitzerfäden verwebten Zöpfe stehen in alle Richtungen ab. Mal abgesehen von der Momenese ist ihr Deutsch einwandfrei, obwohl genau diese Sprache ihrer afrikanischen Mutter so schwer fällt.
Laut statistischem Bundesamt hatte 2008 jede vierte der mehr als acht Millionen Familien in Deutschland Wurzeln im Ausland. Für die Kinder aus diesen Familien ist es oft besonders schwer, den Sprung in eine positive Integrationsspirale zu schaffen. Vielmehr geraten sie oft in einen entgegen gesetzten Sog: Sie machen mit einer deutlich höheren Wahrscheinlichkeit einen niedrigen Schulabschluss und liegen mit ihren „Chancen“, später einmal Sozialhilfeempfänger zu werden, bei einem doppelt so hohen Wert wie ein Deutscher ohne Migrationshintergrund.
Umso wichtiger ist es daher, schon in der Schule Hilfe zu leisten: Das Kinderhaus Südstormarn bietet diese Unterstützung in Form von Schulbegleitung an. Götz Meincke geht täglich mit dem zehnjährigen George[3] zum Unterricht: „Wenn ich als Schulbegleitung nicht anwesend wäre, wäre George nicht beschulbar. Ich sitze in seiner Nähe, und wenn er in die Verweigerung geht, dann entscheide ich mit ihm, was hilfreich ist“, erklärt der 45-Jährige Sozialpädagoge. Für die anderen Kinder in der Klasse sei das kein Problem, sagt Meincke weiter. Er erlebe Kinder im Kontext Integration ohnehin als deutlich unbefangener.
Nach dem Mittagessen wird es ruhiger. Die Kinder machen gemeinsam mit den Erziehern Hausaufgaben. In der Küche steht das dunkelhäutige Mädchen vor einem großen Weihnachtsbaum aus Pappe, der an der Wand hängt. Der untere Bereich ist übersät mit Pappscheiben, bunte Weihnachtskugeln, auf die die Kinder ihre Wünsche schreiben können. „Von dir hängen aber schon ganz schön viele Kugeln“, erklärt der 54-jährige Leiter des Hauses. „Da musst du dir bald mal überlegen, was du besonders gern hättest“. Das Mädchen denkt kurz über diese Äußerung nach, entscheidet dann aber, vorerst doch alle Kugeln hängen zu lassen. Man weiß ja nie, ob es zu Weihnachten nicht doch ein bißchen mehr gibt.
Ein bisschen mehr würde Matthias Richter gerne in den Bereich Bildung und Verständnis des deutschen Bildungssystems für ausländische Familien investieren. Aber er weiß auch, was im Kinderhaus gut funktioniert: „Der Vorteil dieser Gruppe ist, dass alle Kinder ihre Schwächen mitbringen. Vorwürfe wie „Du bist ja behindert“ oder so, die gehen immer total nach Hinten los. Das fällt schon mal im Streit. Aber dass einem hier die migrantische Herkunft vorgeworfen wird, das kommt fast nicht vor. Da verstehen sich die Kinder hier als Gruppe.“
Autorin: Luise Richter
Zeichen: 4681
Quellen:
Eine Analyse am Beispiel von Bildungsbeteiligung, Erwerbstätigkeit und Einkommen auf der Basis von Mikrozensusdaten; S. 1054-1059, S. 1062f.
[1] Name von der Redaktion geändert
[2] Name von der Redaktion geändert
[3] Name von Redaktion geändert