Hamburger Abendblatt - Ein Tag im Leben eines... Erziehers

vom 29.05.2012

Ein Tag im Leben eines …Erziehers

STORMARN SONNABEND-SERIE

Sonnabend-Serie: Das Abendblatt stellt Stormarner und ihre Berufe vor und begleitet sie. Heute: Jörg Panten, Erzieher im Kinderhaus Glinde.

Laute, kräftige Paukenschläge, ein Xylophon, das verwirrt nach einer Melodie sucht und sie nicht zu finden scheint, dazu ein wilder Sturm der Klaviertöne. Es ist acht Uhr. Der Musikraum der Grundschule Wiesenfeld lebt, die Luft vibriert. Vier Schüler holen aus den Instrumenten raus, was rauszuholen ist. Es sind die Kinder der so genannten Durchgangsklasse — ein gemeinsames Schulprojekt des Kinderhauses Glinde der Südstormarner Vereinigung für Sozialarbeit und der Grundschulen Wiesenfeld und Tannenweg in Glinde, der Grundschulen Willinghusen, Barsbüttel und Oststeinbek. Kinder, die nicht mehr in den Schulalltag integriert werden können, weil sie sozial auffällig sind, werden dort betreut.

Mittendrin steht Jörg Panten. Der 48 Jahre alte Hamburger mit dem grauen Ziegenbart ist Erzieher und unterstützt die Sonderschullehrerin Christine Müller seit einem Jahr bei dem speziellen Unterricht.

"Viele der Kinder hier brauchen Einzelbetreuung. Eine normale Beschulung ist nicht mehr möglich. Sie haben emotional-soziale Probleme, können sich nur schlecht in eine Gruppe einfügen", sagt Panten, während Christine Müller zu erreichen versucht, dass sich die Kinder auf ein eingeübtes Musikstück konzentrieren. Irgendwann erklingt es auch. Und die Kinder singen: "Immer ich." Jörg applaudiert, bestätigt. "Gut gemacht."

9 Uhr: Beim Frühstück in der Schule erzählen die Kinder von ihrem Tag. Bevor es die Durchgangsklasse gab, hätten die vier Kinder während des Unterrichts in ihren Klassen oft vor der Tür gesessen oder zum Rektor gemusst. "Das ist auch kein Wunder, wenn ein Lehrer allein mit 30 Kindern ist, und dann gibt es einen, der immer querschlägt, nicht mitmacht." Ein Jahr gibt es das Projekt nun. Und Panten hofft, dass es fortgeführt wird. "Es ist immerhin eine Chance, Kinder in schwierigen Lebenssituationen wieder dahin zu bringen, an der Gesellschaft richtig teilzuhaben, sie später eine Ausbildung machen und nicht in Hartz IV landen", sagt Panten.

Klar, es gebe auch immer wieder Kinder, die es nicht schaffen. Doch er habe es erlebt, dass selbst die scheinbar hoffnungslosesten Fälle ihren Weg gemacht haben. Einen Schulabschluss, eine Ausbildung. "Das ist das Tolle an dieser Arbeit, dass man etwas erreichen kann", sagt er zufrieden und geht mit den Kindern in ihren Klassenraum.

9 Uhr, Frühstückszeit. Jeder erzählt, wie der gestrige Tag war. Alina (um die Kinder zu schützen, haben wir die Namen verändert) muss beichten, dass sie gestern auf dem Schulhof einen anderen Schüler angegriffen hat.

"Das Reden gehört zu unserem Ritual — und dabei sprechen wir auch Dinge an, die eben nicht gut gelaufen sind, damit die Kleinen lernen, Fehler zu reflektieren", sagt Panten, den Alina dennoch "voll cool und nett" findet. Panten ist selbst Vater von zwei elf und fünf Jahre alten Kindern, die jedoch nicht bei ihm leben.

Seit 16 Jahren ist er Erzieher. 14 davon arbeitet er im Kinderhaus Glinde. Die Arbeit dort wolle er nicht mehr missen. "Eine tolle Zusammenarbeit, ein super Team mit einer sehr demokratischen Leitung. Es gibt keine großen Hierarchien", sagt Panten. Es sei ein Glücksgriff gewesen, als er im Kinderhaus die Stelle bekam. "Ich kann mir gar nichts Anderes mehr vorstellen. Dabei wollte ich ursprünglich Hauptschullehrer werden", sagt er lachend.
Sechs Jahre studierte er in Hamburg auf Lehramt, als er plötzlich gemerkt habe, dass er gar nicht Lehrer werden wollte. Während des Studiums aber hatte er bereits an einem anderen Beruf Gefallen gefunden. Auf dem Kiez in Hamburg-St. Pauli arbeitete er regelmäßig in einer Wohneinrichtung für Jugendliche. Irgendwann habe für ihn einfach festgestanden: Studium abbrechen, eine Erzieherausbildung beginnen. Drei Jahre dauerte das, an der Staatlichen Fachschule für Sozialpädagogik an der Wagnerstraße in Hamburg. "Es war die richtige Entscheidung. Ich bin mit Herzblut bei der Arbeit, auch wenn es manchmal anstrengend sein kann", sagt er, und schon ruft ein Kind aus dem Hintergrund: "Jöööörg, guck mal!"

11 Uhr: Panten jätet mit den Kindern Unkraut im Schulgarten

Während Jan, Damian und Alina über Matheaufgaben sitzen, hat sich Lara in den Hintergrund gestohlen. Sie beginnt, ein Plastikrohr durch die Luft zu wirbeln. "Lara, wenn du nicht mehr rechnen magst, beschäftige dich bitte so, dass die anderen nicht gestört werden", sagt der Erzieher ruhig, aber deutlich. Sie hört nicht auf, erfindet Ausreden. "Nee, keine Diskussion. Jetzt wird erst einmal Mathe gemacht." Lara steht noch am Anfang. Ihre neun Jahre alte Tischnachbarin hat schon große Fortschritte gemacht. "Alina hat vorher nur im Heft rumgekritzelt, die Blätter zerrissen, Wutanfälle bei jeder Überforderung bekommen. Sie konnte, obwohl sie in der zweiten Klasse war, nicht schreiben und lesen. Das ist jetzt anders", sagt er und lächelt zufrieden.

Um 11 Uhr werden kleine Schaufeln und Harken zusammengesucht. Gartenarbeit. "Das bringt Abwechslung. Und die Kinder lernen dabei etwas über die Pflanzen und dass sie miteinander arbeiten müssen. Der eine braucht mal 'ne Harke, mal 'ne Schaufel", sagt Panten. "Hey, nur das Unkraut, nicht die Erdbeeren", ruft er zu Alina rüber, die wild mit der Harke auf den Erdboden eindrischt. "Das muss man aber so machen, sonst geht das nicht weg", ruft sie zurück. "Das kann man auch vorsichtiger machen und nicht so wild", sagt er ruhig und beugt sich runter. Sie grinst: "Kann man."

Eine knappe Stunde später sitzen wieder alle im Klassenraum. Es ist 11.50 Uhr, kurz vor Schulschluss. "Wie war der Tag bisher?", fragt Christine Müller. Die Daumen von den Kindern gehen nach oben. Auch Jörg gibt das Handzeichen für "sehr gut".

13 Uhr: Beim Mittagessen im Kinderhaus gibt es feste Regeln
Sein Tag ist noch nicht vorbei. Es geht ins Kinderhaus. Bis zu 20 Kinder zwischen sieben und 14 Jahren aus Familien in schwierigen Lebenslagen werden dort von Diplom-Psychologen, Sozialpädagoginnen und Erziehern betreut. Manche Kinder kommen direkt von der Durchgangsklasse mit dorthin. Diesmal ist es Damian. "Für die Kinder bin ich eine Art Familienersatz, sie sehen mich vormittags und nachmittags", sagt Panten und öffnet die Tür des Kinderhauses. Lärm schlägt ihm entgegen. Er wird lautstark begrüßt. In der Küche bereiten Mathias Richter, Leiter des Kinderhauses, und seine Kollegen das angelieferte Mittagessen vor.

Um 13 Uhr wird gegessen. "Das gemeinsame Essen ist ein wichtiger Bestandteil hier. Es gibt Regeln, eine feste Struktur. Vieles, das die Kinder zu Hause nicht gelernt haben", sagt er und ruft kurz darauf alle zusammen. Einer nach dem anderen wäscht seine Hände. "Moses, hast du deine Hände gewaschen? Ab, Hände waschen", sagt Jörg Panten zwar lächelnd, aber nachdrücklich. Es gibt Hähnchenschenkel, Blumenkohl und Kartoffeln. Auch Obst, Gemüse und Pudding stehen in kleinen Schälchen auf dem Tisch. Ramira schüttet ein Gurken- Tomaten-Schälchen auf ihrem Teller aus. "Hey, jeder eine Scheibe. Die anderen wollen auch etwas", sagt Panten. Auch Rücksicht auf die anderen sollen die Kinder lernen.

15 Uhr: Bei den Hausaufgaben läuft Damian wütend aus dem Raum

15 Uhr. Panten hilft Lara bei den Hausaufgaben. Er versucht, Damian zu ignorieren, der nicht aufhört, "Jöööörg" zur rufen. "Damian, ich unterhalte mich, siehst du das nicht?" Doch Damian hört nicht. Der Erzieher ignoriert ihn erneut. Damian läuft wütend aus dem Raum und kommt kurze Zeit mit einem Zettel wieder, den er dem Erzieher mit seiner Hand auf den Bauch schlägt. "Ich hase dich", steht darauf.

"Er fordert permanent Aufmerksamkeit ein. Wenn er die nicht bekommt, reagiert er trotzig bis aggressiv. Wir müssen versuchen, ihm beizubringen, Konflikte anders zu lösen und auch mal zurückzustehen", sagt Panten. Dass die wenigen Stunden im Kinderhaus oftmals nur ein Tropfen auf den heißen Stein seien, könne manchmal auch deprimieren. "An solchen Tagen, wenn mal gar nichts geklappt hat, ziehe ich mich ins Büro zurück und mache die Abrechnung", sagt Panten. Dann tippt er Zahlen in den Computer und rechnet. "Wenn das Ergebnis dann stimmt, fühle ich mich zufriedener. Komisch oder?", sagt er.

16 Uhr: Zum Abschied wird der Erzieher noch mal stürmisch umarmt Es ist kurz nach 16 Uhr. Die Kinder räumen zusammen mit den Mitarbeitern des Kinderhauses auf, stapeln die Tobematratzen aufeinander, räumen Spiele ein. Auch für Panten geht der Arbeitstag zu Ende. Er verabschiedet sich von den Kindern, auch von Damian. "Oh man, ich will nicht, dass du gehst. Ich will, dass du den ganzen Tag bei mir bleibst", sagt der Neunjährige und umarmt den Erzieher stürmisch. "Wie war dein Tag", fragt ihn Panten. Damian hält seinen rechten Daumen hoch — und Jörg Panten auch. Er wird heute keine Abrechnung machen.

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