Hamburger Abendblatt - Ein Mann sieht mit den Händen

vom 25.01.12

Einige Jahre lang hat sie ihn begleitet, die massive dunkel gestrichene und gut 100 Jahre alte Holzbank. Sie ist ihm sogar gefolgt, von Büro zu Büro. Bei der Sanierung des Glinder Gutshauses, das Volker Müller 25 Jahre lang bis 2007 geleitet hat. „Ich war damals als es 1988 losging, der Einzige, der noch im Gutshaus arbeitete. Alle anderen waren ausgelagert. Und immer, wenn ein Raum fertig wurde, zog ich um - und die Bank zog mit, erinnert sich Müller und streicht mit der Hand über das dunkle Holz der Sitzfläche. Auch, um sie besser wahrzunehmen. Denn Volker Müller sieht mit seinen Händen.

Seit seiner frühen Jugend ist er fast blind. Eine schwere Form der Netzhautdegeneration nahm ihm früh sein Augenlicht. „Als Kind bin ich immer noch mit Freunden mit dem Fahrrad zum alten Gutshaus gefahren. Als Jugendlicher konnte ich das dann schon nicht mehr", sagt er etwas wehmütig. Doch die Sehschwäche war für den gebürtigen Reinbeker Volker Müller nie ein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken Im Gegenteil.

Auch wenn der gelernte Erzieher mittlerweile im Ruhestand ist, engagiert er sich tatkräftig in seiner Region. Für das Kinderhaus Südstormarn, das Projekt Kindersolidarität, bei dem sozial schwache Familien schnell und unbürokratisch geholfen wird, und in der Schuldnerberatung der Sönke-Nissen-Park Stiftung im Glinder Gutshaus. Für seinen vielfältigen ehrenamtlichen Einsatz, vor allem im sozialen Bereich, ist Vorstandsmitglied der Südstormarner Vereinigung (SVS) in Glinde im Dezember auch vom Paritätischen Wohlfahrtsverband Schleswig-Holstein mit der Ehrennadel ausgezeichnet worden. Die Ehrung sieht Müller aber bescheiden. „Eigentlich müsste sich doch jeder für die Gesellschaft engagieren. Das müsste selbstverständlich sein", sagt er.

Nicht nur für soziale Projekte hat in der Vergangenheit viel Zeit aufgebracht. Etliche Stunden widmet er der Reinbeker SPD. Als Fraktionschef arbeitet er sich jede Woche in Sitzunterlagen ein. Dabei hilft ihm sein Computer, mit einem Vorleseprogramm. Jede Unterlage muss einzeln eingescannt werden. „Das ist schon sehr aufwendig und sehr anstrengend. Auch weil das Programm Bilder nicht erkennt und dann lauter Kommata und Zahlen vorliest und nicht einfach weiter zum Text springt", sagt Müller. Und manchmal streike es eben ganz. Immer wieder gestikuliert er im Gespräch mit den Händen in der Luft, so als male er seine Wörter mit seinen Armen im roten Pullover noch einmal nach.

 

Müller ist aber nicht nur ein Erzähler, er ist auch ein Zuhörer. Zwei Hörbücher bestellt er im Monat bei der Hörbücherei. Meistens Krimis, die liebt er. Vor allem die skandinavischen. „Meisten liest meine Frau sie erst und sagt mir dann: Ja, das ist gut, das musst du bestellen", sagt er lachend. Mit seiner Frau Hannelore fühlt sich Volker Müller, der heute im Kreis seiner Familie seinen 64. Geburtstag feiert, eng verbunden. Für mehrere Wochen im Jahr reiste er mit ihr durch Skandinavien. „Und wir erkundeten Ostdeutschland, von oben bis unten. Dort gibt es so viele kulturelle Schätze, die es zu entdecken gibt", sagt Müller. Das Wohnmobil habe das Ehepaar jedoch vor einem Jahr verkaufen müssen. ,,Ich konnte mich auf den Campingplätzen einfach nicht mehr so gut orientieren." Seither geht es im Urlaub auf den Darß in Mecklenburg-Vorpommern.

Ein Ruhemensch aber sei er nicht, auch wenn er den Tag mit seiner Frau langsam angehen lässt, lange schläft, dann ausgiebig frühstückt und dabei Radio hört oder sich von seiner aus den beiden Tageszeitungen, die Müllers abonniert haben, vorlesen lässt. Die Arbeit im Gutshaus fehle ihm allerdings schon.

Auch wenn sich Müller mit Glinde ebenso verbunden fühlt wie mit Reinbek schlägt sein Herz doch um einiges mehr für seine Geburtsstadt. Und auch, wenn es viele Reinbeker gibt, die sicher sich behaupten, die Stadt besser zu kennen als jeder andere, so entdeckt Müller bei seinen Spaziergängen Dinge, die andere oft gar nicht wahrnehmen. Vielleicht gerade, weil er nicht so viel sieht wie andere. „Um meinen Orientierungssinn zu trainieren, versuche ich, nicht immer die gleichen Wege zu gehen. Es kommt vor, dass ich dann von Stichwegen erzähle, die anderen nie aufgefallen sind", sagt er.

Seine tiefe Verbundenheit mit der Schlossstadt im Süden Stormarns wurde dem 64-Jährigen aber auch vor einigen Jahren bewusst, als im Reinbeker Rathaus das Goldene Buch der Stadt ausgestellt wurde - mit handschriftlichen Vermerken von seinem Vater Helmut Müller, der früher Mitarbeiter des Bauamts und bekannt für seine schöne Handschrift war. „Er hat alles mit Tinte geschrieben und sich dann oft damit zu Hause zurückgezogen. Dabei durften wir ihn nicht stören, schließlich durfte er sich keinen Fehler erlauben“, erinnert sich Müller. „Das hat mich geprägt und mir gezeigt, dass auch ich mich für die Stadt einsetzen möchte.“

Nach gut vier Jahren im Ruhestand reicht ihm dies aber nicht. Noch heute ist Müller Mitglied im Vorstand der Sönke-Nissen-Park Stiftung in Glinde. Regelmäßig schaut er im Gutshaus vorbei - bei den alten Kollegen und bei der alten Holzbank. „Sie passt einfach in dieses Haus und ist da nicht mehr wegzudenken", sagt er lächelnd. Und ein bisschen ist es so, als spräche er nicht nur von der Bank, sondern auch ein wenig von sich selbst. „Mein Herz hängt an diesem Haus, es steckt so viel Zeit und Energie daran."

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