Hamburger Abendblatt - Die Hausaufgabenhilfe braucht mehr Helfer

vom 20.03.12

In Projekt an der Glinder Grundschule Tannenweg werden Kinder mit Migrationshintergrund betreut. Fünf Ehrenamtliche helfen bereits.

Sie kommen aus dem Irak, aus der Türkei, aus Afghanistan, Ghana, Indien oder Ex-Jugoslawien. Fast alle Grundschüler, die nach dem Unterricht zu Götz Meincke in den umfunktionierten Videoraum im ersten Stock der Grundschule Tannenweg in Glinde kommen, haben einen Migrationshintergrund. Und fast alle haben zu Hause kaum Möglichkeiten, in Ruhe ihre Hausaufgaben zu erledigen oder dabei Unterstützung zu bekommen.

Götz Meincke ist Sozialpädagoge und betreut seit Herbst 2010 Schüler nach dem Unterricht, achtet darauf, dass alle ihre Aufgaben machen, hilft beim Rechnen, Schreiben, Lesen und vor allem beim Verstehen. Unterstützt wird er derzeit von fünf ehrenamtlichen Mitarbeitern. Zu wenig für 37 Kinder, die fünfmal in der Woche für drei Stunden Betreuung benötigen. Damit sich das ändert, hofft Meincke nun auf Menschen aus Glinde und Umgebung, die die Hausaufgabenhilfe unterstützen wollen. "Sie müssen Lust auf Lebendigkeit und Vielfalt haben", sagt Meincke. Und sie müssten wissen, dass es auch mal laut werden kann.

Ehrenamtliche Mitarbeiter gesucht (http://www.abendblatt.de/region/stormarn/article2221588/Ehrenamtliche-Mitarbeiter-gesucht.html)

Der Geräuschpegel ist enorm, wenige Minuten nachdem etwa 14 der sonst 18 Grundschüler der ersten und zweiten Klassen um 12 Uhr in den Raum eintrudeln, ihre Sachen auspacken, übrig gebliebene Pausenbrote essen und ihrem Tischnachbarn noch mal eben fix vom letzten Pausenhofspiel berichten. Götz Meincke und seine beiden ehrenamtlichen Unterstützer haben gut zu tun, die quirlige Bande zu beruhigen. "Das ist normal. Die ersten Minuten müssen sie sich erst einmal einfinden. Vor allem montags gibt es natürlich eine Menge zu erzählen", erklärt Meincke lachend und lässt sich nebenbei von einer Schülerin berichten, dass sie sich ein Fahrrad für die Fahrradprüfung in der Schule wünscht. Sie hat keins. Meincke will versuchen, zu helfen. Die Arbeit mit den Kindern sei etwas Besonderes, aber manchmal eben auch eine Herausforderung.

Meincke macht sie Spaß, diese Herausforderung. Er ist für die Kinder mehr als nur ein Betreuer. Einige wenden sich auch mit privaten Problemen an ihn. Die Belastung wird dadurch groß. An Zeit, jedem die nötige Aufmerksamkeit zu schenken, fehlt es. "Mit fünf ehrenamtlichen Helfern, sind wir einfach zu wenig. Zwei helfen mir pro Tag. Nur kann nicht jeder immer oder wird auch mal krank", erklärt Meincke, dessen 15-Stunden-Stelle von der Stadt Glinde finanziert wird. Wie den meisten Kommunen fehlt auch in Glinde das Geld, Projekte wie dieses auszubauen. Mit 13 500 Euro unterstützt die Stadt die Hausaufgabenhilfe jedoch in diesem Jahr mit rund 3000 Euro mehr als noch im Vorjahr. "Die Politik und die Stadt drücken damit auch aus, dass es ihnen wichtig ist, dass das Geld die richtigen Kinder erreicht und es dort eine Lücke im Betreuungsangebot gibt", sagt Matthias Richter, Leiter des Kinderhauses der Südstormarner Vereinigung.

Deutsche Kinder gibt es kaum in der Hausaufgabenbetreuung. Sie werden entweder von ihren Eltern abgeholt, die mit ihnen die Hausaufgaben erledigen, bekommen private Nachhilfe, werden im Hort betreut, haben im Anschluss an die Schule Musikunterricht oder machen Sport im Verein. "Das ist schon ein sozialer Unterschied", so Meincke. Zudem komme es vor, dass manche Kinder nicht mal einen eigenen Schreibtisch zu Hause haben. "Der Bedarf der Hausaufgabenbetreuung in der Schule ist einfach da. Das sehen wir hier jeden Tag. Und eigentlich müsste das noch ausgebaut werden", sagt Meincke. Doch das gehe eben nur ehrenamtlich. Allerdings sei es schwer, engagierte Menschen zu finden.

Einer, der sich gefunden hat, ist Michael Trost. Der 64-Jährige arbeitete früher als Kreditsachbearbeiter und ist heute in Rente. "Ich wollte noch eine sinnvolle Aufgabe haben und das Gefühl, gebraucht zu werden", sagt der Glinder und beugt sich geduldig über das Matheheft von Piotr (Name geändert). Der siebenjährige Pole soll teilen lernen, zwölf Kugeln durch zwei. "In Mathe ist er mittlerweile sehr viel besser geworden, nur mit dem Lesen und Schreiben hapert es noch", erklärt Meincke. Wie bei vielen anderen Kindern der Hausaufgabenbetreuung kommen Piotrs Eltern aus einem anderen Land und sprechen zu Hause kein Deutsch. "Die Kleinen müssen dadurch eine hohe kognitive Leistung erbringen." Zudem hätten viele der Kinder erhebliche Konzentrationsschwierigkeiten und Probleme, mit Konflikten umzugehen. "Viele haben sozial-emotionale Auffälligkeiten." Positiv sei aber, dass die Hausaufgabenhilfe Früchte trage. Meincke: "Je regelmäßiger sie da sind, desto besser entwickeln sie sich. Sie beteiligen sich mehr am Unterricht und bekommen bessere Noten."

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